Auf den Punkt Interview zu Printing on Demand Printing on Demand eröffnet auch den Publikumsverlagen Sparpotenziale. Der Druck von Nachauflagen könnte »just in time« erfolgen, große Lager- und Restbestände würden vermieden. Ein Interview mit Helmut von Berg, Leiter Produktion und Einkauf bei Droemer Weltbild. Dass Printing on Demand (PoD) mehr leisten kann, als vergriffene Titel auf Wunsch wieder lieferbar zu machen und Kleinauflagen im wissen- schaftlichen Bereich kostengünstig zu realisieren, beweist ein Pilotprojekt im Hause Droemer. Welche Vorteile der bedarfsgerechte Digitaldruck für einen Publikumsverlag hat – das erläutert Helmut von Berg, Leiter Produktion und Einkauf bei Droemer Weltbild, im Gespräch mit BÖRSENBLATT- Redakteurin Sabine Cronau. Börsenblatt: Warum denkt ein Publikumsverlag wie Droemer darüber nach, Printing on Demand für seine reguläre Produktion einzusetzen? von Berg: Die Publikumsverlage haben alle ein zentrales Problem – die Durchschnittsauflagen sinken in einen Bereich, der den Nachdruck von Exemplaren im Offsetverfahren wirtschaftlich schwierig macht. Mit den vorhandenen Techniken müssen wir bei Nachauflagen Bücher- mengen produzieren, die mehrere Monate brauchen, bis sie das Lager wieder verlassen haben und verkauft worden sind. Das kostet Geld, und das Risiko, das damit verbunden ist, wächst, je länger die Bücher am Lager liegen. Die Alternative ist, die Programmbreite zu reduzieren. Doch weil das niemand will, müssen wir eine Lösung finden. Printing on Demand eröffnet die Möglichkeit, sehr kurzfristig und Nachfrage orientiert kleine Mengen zu drucken. Zurzeit führen wir Gespräche mit verschiedenen Druckereien, um zu klären, wer uns den Digitaldruck so schnell und so kostengünstig wie möglich bieten kann. Börsenblatt: Wie hoch sind die Auflagen, die Sie »on demand« produzieren wollen? von Berg: Wir könnten die Startauflage offset drucken und später termingerecht den jeweiligen Wochenbedarf digital nachproduzieren – beispielsweise 500 Exemplare. Wir hätten damit einen sehr überschaubaren Zeitraum, um die Nachfrage abzuschätzen, und könnten in der Woche darauf 500 weitere Exemplare drucken – oder auch nur 300, ganz nach Bedarf. Börsenblatt: Und wenn die Nachfrage aus einem aktuellen Anlass in die Höhe schnellt und der Digitaldruck dadurch bei den Kosten schlechter abschneidet als der Offsetdruck? von Berg: Dann kommt das Buch eben wieder auf die Offsetrolle – etwa wenn der Titel im »Literarischen Quartett« besprochen wird oder einen renommierten Preis bekommt. Wir wollen einen Prozess installieren, der dem Drucker letztlich freistellt, auf welchem Weg er produziert. Wir wollen nur verlässliche Kosten und ganz kurze Produktionszeiten. Natürlich kann man heute auch 500 Exemplare offset drucken, aber bis das Buch gedruckt, gefalzt, gebunden und schließlich ausgeliefert ist, vergeht eine Produktionszeit von mindestens einer Woche. Beim Digitaldruck hingegen kommt am Ende ein fertiger Buchblock heraus – und das in kürzester Zeit. Das macht einen großen Teil der Effektivität dieses Verfahrens aus. Langfristig denken wir zudem über dezentrale Druck- stationen nach – da bleibt nur noch eine relativ kleine Auflage übrig. Börsenblatt: Könnten diese dezentralen Druckstationen eines Tages auch die Buchhandlungen selbst sein? von Berg: Durchaus, aber das ist natürlich noch Zukunfts- musik. Wenn Printing on Demand funktioniert, wird es sehr wichtig sein, eine dezentrale Form für diesen Prozess zu finden, um alle anfallenden Kosten, auch auf der Logistikseite, zu minimieren. Das bedeutet, dass man versuchen muss, zu einem möglichst frühen Zeitpunkt möglichst nah am Kunden zu produzieren. Eine Produktion beim Auslieferer könnte hier unter Umständen noch zu weit weg sein. Börsenblatt: Wann soll PoD im Hause Droemer starten? von Berg: Eine Testphase für einige Titel durchlaufen wir gerade. In großem Maßstab einsteigen wollen wir Ende dieses, Anfang nächsten Jahres. Wobei die Druckerei Datenaufbereitung, Datenhandling und Bindung übernimmt, während der Digitaldrucker nur die gelieferten Daten auf Papier bringen soll. Das ist keine ganz uninteressante Arbeits- teilung, weil wir natürlich mit Firmen zusammenarbeiten wollen, die mit unseren Daten klarkommen. Wir produzieren seit vielen Jahren Druckdaten im Haus und haben damit sehr gute Erfahrungen, die wir nicht aufs Spiel setzen wollen. Börsenblatt: Sind denn intern schon alle Voraussetzungen für den Start geschaffen? von Berg: Bei den Druckdaten ja, bei den Verwaltungsdaten nein. Im Moment arbeiten wir im Haus mit großem Nachdruck daran, Abläufe zu optimieren. Wir dürfen den Digitaldruck nicht mit zusätzlichen Verwaltungskosten befrachten – weder bei uns noch in der Druckerei oder beim Versand. Deshalb wollen wir die Aufträge online vergeben, damit der Prozess nicht durch Papier oder Zeitverluste behindert wird. Die Daten sollen in strukturierter Form übernommen werden und so an uns zurückfließen, dass wir sie nicht noch mal von Hand bearbeiten müssen. Ein Beispiel: Gedruckte Rechnungen müssen wir heute noch von Hand am Rechner erfassen – was wiederum Fehlerquellen birgt. Börsenblatt: Der Austausch der Verwaltungsdaten ist sicher nicht die einzige Hürde … von Berg: Nein, Hemmschuhe sind derzeit auch noch die zu hohen Kosten und die Logistik vor und nach der Produktion: Es ist nicht so leicht, für viele verschiedene Kleinauflagen Material vorrätig zu haben, das sofort einsetzbar ist – und die produzierten Kleinmengen hinterher auch zügig zu verteilen. Die Drucker müssen darüber nachdenken, welche Leistungen sie langfristig anbieten. Unter Umständen müssen sie künftig mehr Dienstleistungen an das Produkt Buch binden, indem sie Bestellungen annehmen, ausführen und gegebenenfalls auch direkt an den Buchhandel ausliefern. Börsenblatt: Das würde aber in beiden Branchen gewohnte Strukturen auf den Kopf stellen … von Berg: Die Prozesse müssen sicher neu definiert werden. Die Produktionsgrundlagen verändern sich, und wir müssen mit den Konsequenzen leben, wenn wir diesen Weg mitgehen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir auf lange Sicht neben dem Offsetdruck den Digitaldruck als Standardproduktionsweg haben werden. Die Not- wendigkeiten, die sich daraus ergeben, muss man akzeptieren, und man muss Lösungen erarbeiten, die einen höchstmöglichen Nutzen dieses Verfahrens bringen. Das betrifft nicht nur die Verlage, sondern alle, die mit dem Buch zu tun haben. Börsenblatt: Sie haben die Kosten bereits als einen Hemmschuh angesprochen. Wie hoch sind die Stückkosten für ein duchschnittliches Taschenbuch? von Berg: Heute zahlen wir für ein durchschnittliches Taschenbuch mit einer Auflage von 10000 Exemplaren eine Mark pro Stück, beim Nachdruck von 3000 Exemplaren liegt der Preis bei 1,50 Mark, bei kleineren Nachauflagen bei bis zu 2,50 Mark. Damit lässt sich ein Buch gerade noch so realisieren. Bei unseren derzeitigen Verhand- ungen mit den Druckereien haben wir deshalb für ein digital gedrucktes Taschenbuch einen Betrag von drei Mark in die Diskussion geworfen. Die Druckereien verlangen derzeit den doppelten Preis und verweisen auf die hohen Investitionskosten für die neuen Anlagen. Hier müssen wir noch einen Kompromiss finden. Börsenblatt: Wie werden die Umschläge produziert? von Berg: Die Buchumschläge sind ein weiterer Knackpunkt, zu dem uns bisher nur eine organisatorische Lösung eingefallen ist: Wir fertigen bei Neuauflagen einen ausreichenden Überdruck der Umschläge an und lagern die Cover zwischen – und zwar dort, wo wir digital drucken. Auch wenn die Lagerkosten damit niedriger sind als bei kompletten Büchern, kann das langfristig natürlich nicht der Weg sein. Dass wir die Umschläge nicht digital drucken – wobei wir hier nur vom Taschenbuch reden – liegt im Moment in erster Linie daran, dass die Veredelung digital ge- druckter Umschläge technische Probleme bereitet. Sie sollen jedoch in einem Jahr gelöst sein – was wir hoffen. Börsenblatt: Und beim Hardcover? von Berg: Beim Hardcover ist die Situation schwieriger. Hier wollen wir auf Standarddecken hinarbeiten, die mit wenig Aufwand für kleine Auflagen umgearbeitet werden können – im einfachsten Fall nur durch den jeweiligen Schutzumschlag. Aber auch eine Prägung wäre für kleinere Auflagen denkbar. Das erscheint uns im Moment als relativ gang- barer Weg, muss aber in der Praxis noch erprobt werden … Börsenblatt: Das heißt, dass Sie in der Ausstattung eine Standardisierung vornehmen müssen? von Berg: In einem gewissen Umfang sicher. Wir haben aber nicht die Vorstellung, dass deshalb alle Bücher gleich aussehen sollen. Die Frage ist, welche Bandbreite innerhalb eines festgelegten Standards zu realisieren ist. Ein Beispiel: Wir müssen den Umfang bei Büchern, von denen wir wissen, dass wir sie eines Tages digital drucken wollen, auf eine bestimmte Seitenzahl bringen, damit die Standarddecke passt. Entspricht die Seitenzahl nicht dem vorgegebenen Rahmen, lässt sich der Buchblock über die Papierstärke angleichen. Das Beispiel zeigt, dass viele Punkte schon bei der Planung der Bücher bedacht werden müssen. Börsenblatt: Rückt die herstellerische Qualität in den Hintergrund? von Berg: Nein. Wir wollen ja Bücher haben, die sich für den Leser nicht von den konventionell produzierten unterscheiden. Der Kunde wird sich nicht grämen müssen, wenn er von uns ein digitales Buch bekommt. Die Muster, die wir auf dem Tisch haben, haben uns alle davon überzeugt. Übrigens gab es sowohl bei der Einführung des Offsetdrucks als auch bei Fotosatz und Desktop-Publishing die Befürchtung, dass die Qualität nicht stimmt, und es hat sich auch dort nicht bewahrheitet. Börsenblatt: Gibt es Berechnungen, in welcher Höhe sich Lagerkosten durch Printing on Demand einsparen lassen? von Berg: Im Detail noch nicht. Man darf jedoch nicht nur die reinen Lagerkosten betrachten. Denn die Makulatur nicht verkaufter Titel kostet den Verlag auch Geld, und das Verramschen kann am Markt ebenfalls für Probleme sorgen. Deshalb muss es das Interesse des Verlags sein, die Lagermengen drastisch zu reduzieren, um den Markt zu bereinigen und das Risiko aus der Welt zu schaffen. Damit die neuen Bücher draußen eine bessere Chance haben. Börsenblatt: Das hieße in der Konsequenz, dass PoD auch ein Ausweg aus dem Ramsch sein könnte? von Berg: Indirekt schon. Der Ramsch ist für Verlage, die ihr Geschäft ernst nehmen, eine Notlösung. Ein bisschen schämt sich wohl jeder dafür, wenn er seine Bücher im Ramsch liegen sieht. Der Digitaldruck bietet uns die Möglichkeit, die Druckentscheidung sehr viel näher am Verkaufszeitpunkt zu treffen. Wir können damit Auflagen drucken, die sich nicht am Wunschdenken, sondern am Bedarf orientieren. Börsenblatt: Soll das Pilotprojekt bei Droemer auf alle Holtzbrinck- Verlage ausgedehnt werden? von Berg: Im Moment ist es ein Droemer-Pilotprojekt innerhalb des Hauses Droemer-Weltbild und der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck. Gelingt uns die Umsetzung, werden sich sicher auch die Kollegen intensiv mit dem Thema befassen. Quelle: Börsenblatt.net vom 10. Mai 2000 zurück nach oben