Ist Digitaldruck tot? Man könnte glauben, die Diskussion um Print on Demand sei schon gelaufen, die Fakten sprächen für sich. PoD ist gut im Marketing oder der Werbung, aber nicht im Buchdruck. Auch die Versuche, Bücher bei Bedarf zu drucken scheinen sich ja deutlich auf Nischenmärkte zu beschränken. Ende der Debatte? Ich glaube nicht, und schon gar nicht, dass das eine Glaubens-Sache wäre. Warum steigen Verlage – heute – nicht nennenswert in den Digitaldruck ein? Haben die angeführten Gründe dafür an Bedeutung verloren? Welches sind noch einmal die wesentlichen Argumente? Dass das Verlagsgeschäft in weiten Teilen, darunter insbesondere im Publikumsbereich, ein existenziell hohes Risiko beinhaltet, weil »auf Verdacht« produziert wird, oft zusätzlich Kalkulationen per höherer Auflage »schöngerechnet« werden, dass deshalb nicht nur Lager- und Kapitalkosten anfallen, sondern mit Regelmäßigkeit Wertberichti- gungen vorgenommen werden müssen, die oft das Geschäftsergebnis zunichte machen – oder schlimmer,dass alle Welt von Kundenbindung redet, ohne die vorhandenen technischen Möglichkeiten dafür zu nutzen. Qualitätseinwände habe ich schon lange nicht mehr gehört. Und die Gegenargumente? Dass es billiger ist, Überdruck einfach wegzuwerfen, weil der absolute Gesamtpreis sich immer noch rechnet, dass Digitaldruck einfach schon pro Einheit zu teuer ist, dass das höchstens für kleine und Kleinstverlage etwas ist, die nicht das Geld haben, kostengünstig mehr zu drucken als bestellt wird. Was ist davon zu halten? Ich habe mich in den Diskussionen der letzten Monate und Jahre immer auf diese wesentlichen Punkte festgelegt: Digitaldruck dient heute vor allem der Risikominimierung und der Kostenreduzierung. Digitaldruck ermög- licht Lieferfähigkeit innerhalb kürzester Frist und schafft deshalb zusätz- lichen Spielraum für besser begründete Entscheidungen im konventionellen Verfahren. Es ist grundsätzlich falsch, nur Stückkosten zu betrachten, da die im herkömmlichen Verfahren generierten tatsächlichen Gesamtkosten des Verfahrens nicht auf Einzeltitel und das einzelne Stück Buch umgelegt, sondern in pauschalierten Betrachtungen regelmäßig unter den Teppich des Gesamtergebnisses gekehrt werden. Nur die Betrachtung von Pro- zesskosten kann die Grundlage dafür liefern, das Ergebnis gegen die be- schlossene Strategie abzugleichen und dabei zu tragfähigen Erkenntnissen über Positionierung am Markt und Erfolg von Geschäftsfeldern zu kommen. Nur so kann auch die Unternehmenstruktur, die ja dem Erreichen der defi- nierten Geschäftsziele dienen soll, konstruktiv überprüft werden. Deshalb kommt der Option Digitaldruck strategische Bedeutung zu. Denn es stellt bei ernsthafter Abwägung alle wesentlichen Parameter des Geschäftes auf den Prüfstand, weil es keine Prozeßbrüche und keine unnötigen Kosten zulässt. Eine stringentere Betrachtung des eigenen Tuns und Lassens habe ich in 20 Jahren Berufserfahrung nicht gefunden. War Digitaldruck als Option seines Geschäftes ausschließt, begibt sich der großen Chance, früh genug sein Geschäft neu zu definieren, es neu zu organisieren und schließlich, es zu besseren Ergebnissen zu führen, selbst wenn Digitaldruck heute nur einen vergleichsweise geringen Anteil an der Gesamtproduktion hat. Wenn wir heute sehen, wie der Druckmarkt Preise gebiert, die den Ge- schäftszielen der Unternehmen schlicht zuwider laufen, dann ist das nicht nur so, weil jeder glaubt, mit diesem Verfahren Konkurrenz aus- schalten und selbst überleben zu können. Ich fürchte, wir erleben die Endphase des gegenwärtigen Geschäfts- modells Rollenoffset. Dieses Geschäftsmodell wird von den beteiligten Geschäftspartnern unvermindert am unteren Ende seiner Möglich- keiten betrieben, und zwar mit immer schlechterem Geschäftsergebnis. Der Druckmarkt Buch ist auf eine Weise dramatisch im Wandel begriffen, die die jetzigen Methoden von Technikeinsatz und Management an den Rand des Scheiterns führt. © Juli 2003 · Helmut von Berg Veröffentlichung nur mit Erlaubnis des Autors. zurück nach oben